13 Tote, 211 Verletzte – sie sind nur die unmitelbaren Opfer des Oktoberfest-Attentats vom 26. September 1980. Die Opfer des Attentats, ihre Angehörigen – und diejenigen, die damals Verletzte versorgten, Tote bargen -, leiden zum Teil bis heute an den psychischen und physischen Folgen.

Das Oktoberfest-Attentat gilt als schwerster Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte – und wurde bis heute nicht befriedigend aufgeklärt. Die Ermittler der Sonderkommission “Theresienwiese”, die damals eingerichtet wurde, kamen zu dem Ergebnis, dass der Bombenleger – der ebenfalls bei dem Anschlag starb – “wahrscheinlich” als Einzeltäter gehandelt habe, Mitwisser und sonstige Tatbeteiligte hätten nicht ermittelt werden können.
Motiv des Täters, so hieß es damals, seien “private Beziehungsprobleme und Misserfolge in seiner Ausbildung” gewesen. Doch bereits damals musste man eigentlich von einem rechtsextremen Hintergrund ausgehen. Denn der Täter stand in Verbindung zu der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann.

Das offizielle Ermittlungsergebnis – auch und gerade die Einzeltäter-These – konnte nicht überzeugen und wurde immer wieder angezweifelt. Einem lang anhaltenden Druck aus der Zivilgesellschaft, auch aus den Gewerkschaften, ist es zu verdanken, dass die Bundesanwaltschaft Ende 2014 eine Wiederaufnahme der Ermittlungen auf den Weg brachte.

Heute fand – wie seit 1983 stets am 26. September – wieder eine Gedenkfeier am Mahnmal direkt beim Haupteingang zum Oktoberfest statt. Die DGB-Jugend München ludt am 38. Jahrestag zum Gedenken an die Opfer, gemeinsam mit der Landeshauptstadt München.

Kurze Ausschnitte aus den Reden können hier nachgelesen werden, die Reden sind außerdem als Audio-Datei zum Anhören hinterlegt.

Reden

I. DGB-Jugend

Begrüßung und Eröffnung durch N.N., Vertreter der DGB-Jugend München     
IMG_9457Wir als DGB-Jugend wollen die Erinnerung wachhalten. Wir wollen ein würdevolles Gedenken mit den – und für die – Überlebenden. Und wir wollen an die Verstorbenen erinnern. Wir wollen eine öffentliche Diskussion aufrecht erhalten. Sei es über die Form des Denkmals, oder über Entschädigungen für die Opfer – wie in Form eines Fonds den die Stadt dieses Jahr aufgelegt hat.
Wir wollen aber vor allem, dass dieses Attentat endlich vollständig aufgeklärt wird. Das werden wir weiterhin einfordern. Wir wollen aus der Geschichte lernen. Und wir wollen, dass das Attentat dazu genutzt wird, etwas tut. Wir wollen, dass es zeigt, wie wichtig es ist, klar gegen Rechts Position zu beziehen. Von einer der Überlebenden dieses Attentates. Sie wollte wissen, warum wir dieses Jahr den Fokus auch auf NSU und OEZ gelegt haben. Warum wir also bei diesem Gedenken auch an ganz andere Attentate denken, als an das, das ihr Leben zerstört hat.

Vor einiger Zeit, nachdem die Einladungen zu diesem Gedenken heraus gegangen sind, habe ich einen Anruf bekommen.
Ich habe mich dann länger mit ihr über die Parallelen unterhalten. Ob rechte Täter, Verwicklungen mit staatlichen Stellen, Aufklärungspannen usw. Die Liste ist ja lang genug. Vor allem aber ist mir klar geworden in diesem Gesrpäch, dass es einen viel wichtigeren und richtigeren Beweggrund gab.
Die Menschen, die vom Attenat am 26.09.1980 betroffen waren, müssen bis heute auf endgültige Aufklärung warten. Sie wissen bis heute nicht, warum ausgerechnet ihr Leben zerstört wurde durch rechte Ideologie. Und warum heute noch mutmaßlich Involvierte wie Karl-Heinz Hoffmann frei herum laufen.
Das Verfahren wurde zwar 2014 neu aufgenommen, aber seither wurden keine neuen Ergebnisse bekannt, und die meisten Spuren sind kalt. Der NSU-Prozess, der dieses Jahr hier in München zuende gegangen ist, sollte ja vor allem auch der Aufklärung dienen. Er sollte Hinterbliebenen und den Überlebenden der NSU-Attentate die Hintergründe aufdecken. Aber am Ende des Tages bleiben viel zu viele Fragen offen. Genau wie beim Attentat auf das Oktoberfest. (…)

II. OB Dieter Reiter

Grußwort Dieter Reiter, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München     
Dieter Reiter
(…) Nicht zuletzt wollen wir vor dem rechtsextremistischen Hintergrund des Anschlags zur Wachsamkeit und zu Gegenwehr aufrufen: Heute wachsam sein bei rechter Hetze, bei rechtem Hass und bei rechter Gewalt! Was dringend nötig ist angesichts der gegenwärtigen Situation in unserem Land, angeschichts des gegenwärtigen Erstarkens rechtsextremer Gruppierungen in Deutschland.
Nicht vergessen dürfen wir auch die Morde des NSU sowie den rechtsextremistisch und rassistisch motivierten Anschlag am OEZ hier bei uns.
All das ist selbstverständlich auch Teil des heutigen Gedenkens hier am eigentlichen Schauplatz des Attentats auf der Theresienwiese.

Wie jedes Jahr erinnern wir dabei an den fürchterlichen, an den mörderischen Anschlag vom 26. September 1980, bei dem 12 Personen und der Attentäter ums Leben gekommen, und 211 weitere Menschen zum Teil schwer verletzt worden sind.
38 Jahre ist das mittlerweile her. Trotzdem ist das Attentat nach wie vor präsent. Schließlich war es nicht nur eines der schlimmsten Ereignisse in unserer Stadt überhaupt, sondern auch der verheerendste Terroranschlag in der ganzen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Und dann sind da auch noch die immer noch nicht restlos aufgeklärten Tatumstände. Vor allem, was die Hintergründe und die möglichen Drahtzieher aus rechtsextremen Kreisen anbelangt. Die juristische Aufbereitung, die mit der Wiederaufnahme der Ermittlungen Ende 2014 erneut begann, muss hier Klarheit schaffen. Alein schon aus Respekt vor den Todesopfern und den Betroffenen. Aus Respekt vor denjenigen, die damals am Haupteingang zur Festwiese mit einem Schlag gewaltsam aus dem Leben gerissen wurden, und den anderen, die ihr Leben zwar behalten haben, aber noch immer unter ihren schweren Verletzungen leidern, oder tiefe Trauer über den Verlust geliebter Menschen empfinden. Für sie wird es niemals ein Vergessen geben.
An den Schmerz dieser Betroffen wollen wir heute wieder erinnern und damit gleichzeitig unser aller Solidarität mit ihnen öffentlich zum Ausdruck bringen. (…)

III. Tom Sundermann

Rede von Tom Sundermann, Journalist und Reporter im NSU-Prozess (Hauptredner)     
Tom Sundermann
(…) Auch knapp vier Jahrzehnte nach der Tat mit 12 Todesopfern und mehr als 200 Verletzten zeigen die engagierten Münchner, die heute hierher gekommen sind: Wir vergessen nicht! Wir begreifen dieses höllische Fanal des Extremismus und seine Folgen als Mahnung vor den Gefahren, die menschenfeindliche Ideologien über unsere Gesellschaft bringen.
Das Sprengstoff-Attentat von München lässt uns aber auch deshalb keine Ruhe, weil es nicht aufgeklärt ist. Weil seine Hintergründe und seine mutmaßlichen Architekten im Dunkeln liegen. Das hundsgemeine, beängstigende der Tat, die vor 38 Jahren an dieser Stelle verübt wurde, das ist nicht nur die Vernichtunhg menschlichen Lebens. Das ist auch die Bedrohung des Unbekannten, die dem Anschlag erst die Macht verliehen hat über Jahrzehnte auf die Seelen der Betroffenen zu drücken. (…)
Es gehört zu den schmerzlichsten Wunden und zu den empörendsten Skandalen unseres Landes, dass wir heute sagen können: Es sind im Laufe der Jahre viele Menschen dazu gekommen, die diesen Schmerz nur all zu gut verstehen können. Es sind die Menschen, die ihrerseits direkt oder indirekt Opfer von hassgetränkten Terrorakten wurden. (…)

Es muss nicht immer nur einen einzigen Antrieb für eine monströse Tat geben. Fast immer ist der Hintergrund viel komplexer, als es in der öffentlichen Debatte erscheint. Aber das sollten die Ermittlungsergebnisse auch abbilden. Geschuldet ist das nicht nur der kriminalistischen Praxis, sondern auch den Betroffenen mit ihren quälenden Fragen. Wo schonungslose, vollständige Aufklärung ein Muss ist, darf es weder Abstriche noch Kompromisse geben. Dazu gehört vor allem der Umgang mit den eigenen Versäumnissen und der eigenen Fehlsicht, die den Blick für entscheidende Spuren verblendet und die Opfer aus dem Blick verliert. So ist es im Fall NSU immer wieder geschehen, als Kriminalbeamte die Ermordeten mit ausländischem Hintergrund ihrerseits in die Nähe krimineller Aktivitären rückten. Sie zu Mitgliedern in einem Geflecht aus Schutzgeld oder Drogen stilisierten, ihnen frei erfundene Frauengeschichten andichteten.
Für die Familien, geschwächt durch die Trauer, klein gemacht durch die Demütigungen, begann die gesellschaftliche Ächtung. Sie wurden erneut zum Opfer in einer Zeit, in der sie Hilfe und vor allem Verständnis am dringendsten gebraucht hätten. Das Verständnis und die Rehabilitierung kamen spät, zu spät. Bei den Betroffenen des Oktoberfest-Anschlags fehlt diese Form der Anerkennung in weiten Teilen bis heute.
Und was noch tragischer ist, es gibt nach wie vor keinen Schlusspunkt. (…)

Wir sind Zeitzeugen tief traumatischer Terrorakte, die Menschen aus unserer Mitte gerissen haben. Wir können bekunden, wie unvermittelt und schockierend uns diese Verbrechen getroffen haben. Darum liegt es für uns auf der Hand, dass die Gefahr nicht gebannt ist, wenn ein Hauptschuldiger verurteilt und als “Einzeltäter” identifiziert ist. Es hat nichts mit Panikmache oder mit Ängstlichkeit zu tun, wenn wir sagen: Es kann wieder passieren!
Das Wissen um diese Bedrohung ist ein nationaler Schatz, der Leben retten kann. Wenn uns die Empörung über die Taten zusammen rücken lässt, wenn wir uns klar machen, dass wir diese marternde Ungerechtigkeit nur gemeinsam aushalten können, ohne daran zu zerbrechen, dann können wir uns als gewappnet ansehen vor den Folgen ideologischer Raserei und ihren mörderischen Auswüchsen. Entscheidend ist, dass wir in der Wut auf die Täter nicht den Blick für die Opfer verlieren. (…)

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