“Die kriegen 30%”, weiß die neben mir sitzende Dame meines Alters, “da bin ich ganz sicher!” Sie schaut mich strahlend an, ob dieser guten Nachricht und ich weiß nicht recht, wie ich ihr antworten soll. “Ja, bestimmt”, bringe ich dann aber doch heraus. Die gute Frau verlässt kurz darauf die Wahlkampfveranstaltung der GRÜNEN , noch vor dem Auftritt von Katharina Schulze. “Ich muss jetzt zum Arzt!” sagt sie, und fort ist sie.

30% für die GRÜNEN in Bayern, das ist sehr optimistisch, bei den Umfragen liegt die Partei aber schon nah an 20%. Bedrohlich nah, aus Sicht der Konkurrenz.
In der aktuellen INSA-Umfrage (für die BILD-Zeitung) lautet der Wert für die GRÜNEN 18%, und schon das ist sehr beachtlich. Bei 33% für die CSU. Aber ausgeschlossen ist bei dieser Wahl garnichts, Umfagen sind nicht viel mehr als eine Schätzung, auch wenn immerhin jeweils die Antworten von 1000 bis 2000 befragten Personen die Grundlage für die Umfrage-Ergebnisse bilden. Man kann auch sagen, weil lediglich die genannte Personenmenge befragt worden ist.

Katharina Schulze: “Es liegt was in der Luft!”

Katharina Schulze aber weiß ohnehin, was sie will: “Wir möchten die absolute Mehrheit der CSU brechen!” Und sie ist durchaus mit dem 2. Platz zufrieden. Bei einer Knapp-über-30%-Partei CSU als Wahlsieger stehen die Chancen der GRÜNEN ja auch durchaus nicht schlecht, selbst in den nächsten Jahren die Geschicke Bayerns durch eine grüne Regierungsbeteiligung zu beeinflussen, zu steuern.

Katharina Schulze sagt, dass die Menschen in Bayern eine Politik wollen, die Mut gibt, statt Angst zu machen. Und: “Keine Schlagbäume in Europa”. Dankbar sei sie der Generation ihrer Eltern und Großeltern für das Geschenk Europa, und “dass wir seit 70 Jahren in Frieden leben können, dass wir in andere Länder fahren können, dort arbeiten, dort wohnen, dort leben, wieder zurück kommen! Dass wir einen kulturellen und einen wirtschaftlichen Austausch haben. Das ist ein wahnsinniges Geschenk! Das ist etwas, was wir hegen und pflegen müssen, das ist etwas, das wir ausbauen müssen! Und deswegen müssen wir uns jedem in den Weg stellen, der unser Europa kaputt machen möchte. Egal, ob es ein Orbán ist – egal, ob es ein Kurz ist – egal, ob es ein Salvini ist – egal, ob es Menschen in unserem eigenen Land sind: Wir hier in Bayern sind pro-europäisch! Und wir lassen uns unser Europa nicht kaputt machen!”

Auch andere grüne Themen bringt Katharina Schulze in ihrer knapp 11 Minuten kurzen Rede unter, natürlich auch die Gleichberechtigung der Frau, gleiche Bezahlung von Männern und Frauen – und sich aus diesen Punkten ergebende Folgerungen wie z.B. eine bessere Bezahlung von Erziehern, Investitionen in den Kita-, Kindergarten- und Hort-Ausbau ein bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Eine Politk mit Natur-, Umwelt- und Klimaschutz, und eine Digitalisierung mit Chancen für alle Menschen. Kurz: eine menschliche Politik soll es sein: “Herz. Nicht Hetze.”

Frischluft-Durchzug in Bayern!

Ludwig Hartmann ist sich “absolut” sicher, das die Tage der absoluten Mehrheit der CSU gezählt sind. Er wird kaum falsch liegen mit dieser Einschätzung. Und auch er redet kurz: auf die Sekunde genau 12 Minuten. Kurze Reden also an diesem Nachmittag. Reden, die keine Langeweile aufkommen lassen sollen und die die gute Stimmung, die die Zuhörerinnen und Zuhörer auf dem Marienplatz – auch angesichts des “bombigen Wetters” (Hartmann) – erfasst hat, eher noch fördern.

Man spüre es, sagt Ludwig Hartmann, aber auch die Umfragen zeigten es: “Die Tür hin zu einer modernen, ökologischen, gerechten und pro-europäischen Politik für unser Bayern, die Tür steht einen Spalt weit offen. Jetzt geht’s wirklich darum, diese Tür aufzustoßen, damit sich am 14.10. in Bayern was zum Guten ändert!”
Auch er macht einen Ausflug durch eine Liste grüner Themen (Details in der Rede, die unten als mp3-Audiodatei zum Anhören verlinkt ist – wie auch die Reden von Katharina Schulze und Robert Harbeck, der aus dem Norden der Republik angereist war) – und kommt dann wieder auf das Bild der einen Spalt weit offenen Tür zurück: “Es kommt wirklich darauf an, die Tür am 14.10. mal ein Stück weit auf zu stoßen und mal einen Frischluft-Durchzug in Bayern zu haben!”.

Ein demokratischer Wind aus Bayern

Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, ist gekommen, um sich bei den Bayern zu bedanken. Für eine politische Energie, die “wie ein demokratischer Wind aus Bayern heraus die Demokratie in Deutschland beflügelt”, so drückt er es aus und sagt weiter: “Hier in Bayern findet die Demokratie gerade ihre Sprache wieder!”

Schriftsteller ist er außerhalb seines Politiker-Daseins, das zeigt sich in seinen Worten. Wiederkehrendes Motiv in seinen Romanen, so erfährt man übrigens bei Wikipedia, ist “die Frage nach den Einflüssen, die einen Menschen prägen, und (nach) dem Spannungsverhältnis von Freiheit und Determination“. Die CSU habe, so sagt Habeck, aus Angst vor der Wahlniederlage die demokratische Mitte für den Rechtspopulismus geöffnet: “Es liegt an der CSU, dass die AfD stark geworden ist. Diesen Fehler hätte es nie geben dürfen. Und diesen Fehler wieder auszutreiben, ist der Sinn der bayerischen Landtagswahl”.

Nicht nur eine Wahlkampfrede hält Robert Habeck, sondern er wird grundsätzlich und erklärt anhand der Entstehungsgeschichte der GRÜNEN aus der ökologischen Bewegung, was den Kern einer liberalen Demokratie ausmache, was deren Sinn sei.

“Dass die GRÜNEN die Aufgabe bekommen”, sagt er, “das Prinzip der Demokratie – und damit die Hoffnung auf Veränderung, so zu verkörpern – wie das jetzt an uns herangetragen wird -, das stand in keinem Buch geschrieben. Das ist eine große, große Überraschung für uns. Aber es ist eine große, große Ehre für uns.” Für diesen Moment seien die GRÜNEN eigentlich gegründet worden. Das glaube er, sagt Habeck.

Und der Sinn? Der Sinn sei ein weiterer Freiheitsbegriff. Habeck: “Ein Freiheitsbegriff, der sich nicht darauf beschränkt, dass nur das, was ökonomisch messbar ist, ein Leben lebenswert macht. Sondern das ein Zusammenleben mehr ist, als nur abrechnen und sich vorzählen, wo man Fehler gemacht hat. Dass man sich bewegen kann, dass man Dinge und Umwelt auch unmateriell genießen kann. Am Kern der Gründung der GRÜNEN war also der Begriff eines gedeihlichen, eines freiheitlichen Zusammenlebens der Gesellschaft.

Und jetzt, wo die Demokratie so aus ihrem Kern heraus unter Druck gerät, nicht von äußeren Faktoren, sondern die Vergesslichkeit der Politikern selbst dazu führt, dass diese freiheitliche, selbstverständlich eigentlich sein sollende Zusammenführungsarbeit so unter Druck gerät … jetzt muss das, was an der Wiege der GRÜNEN stand, noch ganz anders zur Entfaltung kommen. Nämlich mit dem Einstehen dafür, dass Zusammenhalt besser ist, als spalten. Dass Gemeinschaft einen höheren Sinn hat als Ausgrenzung. Dass Solidarität ein Wert ist, der über den Eigennutz hinaus geht.
Mit anderen Worten: Jetzt ist die Zeit, sich einzumischen! Jetzt ist die Zeit, dass, was das grüne Gründungsversprechen war, einzulösen!”

Spätestens einen knappen Monat nach der Wahl, will man meinen, wenn .. oder besser: falls … die GRÜNEN tatsächlich Teil der Bayerischen Staatsregierung werden sollten. 30% kämen da schon recht.

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